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S. 28
Johannes Stüttgen erläutert im Gespräch mit Andrea Adamopoulos,
Warum Demokratie immer wieder neu erzeugt werden muss.
Interview: Andrea Adamopoulos
„Wenn man immer nur
von Möglichkeiten und
Fähigkeiten ausgeht,
bleibt man in dem
hängen, was schon da ist.“
Johannes Stüttgen
Was unterscheidet die parlamentarische von der direkten Demokratie?
Für mich ist der entscheidende Punkt, dass wir die Demokratie selbst hervorbringen müssen. Bei dem Vorgang der direkten Demokratie stellt man nicht nur das Abstimmungsergebnis klar, sondern man erzeugt die Demokratie aus sich selbst heraus. Auf die Weise müssen wir uns nie wieder sagen lassen, wir fänden die Demokratie vor.
So lief es in den letzten Jahrzehnten: Wir meinen, die Demokratie bereits vorzufinden. Keiner macht das elementare Erlebnis, Demokratie selbst zu erzeugen. Dieser Vorgang, sich immer wieder in dieses Nichts hinein zu begeben, immer wieder neu den demokratischen Prozess zu erzeugen, das ist jedoch für eine funktionierende Demokratie ganz entscheidend.
Die heute praktizierte parlamentarische Demokratie ist eine Einrichtung, auf die wir uns schon lange verlassen.
Wir sagen, diese gehöre zu den Standards unserer westlichen Gesellschaft, wir stellen das nicht in Frage. Das ist jedoch eine Scheinsicherheit. Wir verlassen uns auf Muster, an deren Ursprung
wir nicht teilhaben.
Die Fähigkeit, die ich brauche, um demokratisch mitzuwirken, um ein mündiges, vollgültiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, erwerbe ich mir durch die Vorgehensweise der direkten Demokratie und zwar deshalb, weil ich auf diese Weise die Erfahrung mache, von meinen eigenen konkreten Zielen abzusehen, zugunsten der Gleichberechtigung aller Beteiligten.
Von daher hat man Demokratie nie erreicht, sie muss immer wieder neu von uns erzeugt werden.
Inwieweit ist der Vorgang des Hervorbringens von Demokratie durch Wahlen nicht gegeben?
Bei einer Wahl delegieren wir wichtige Fragen an Menschen, die, wie wir sehen, damit völlig überfordert sind. Die ganzen Probleme, mit denen wir aktuell konfrontiert sind, haben wir weg delegiert. Das Problem, wie vernünftige Rechtsordnungen entstehen, haben wir an diejenigen delegiert, die wir gewählt haben. Die gleichen Menschen haben wir beauftragt,
dafür zu sorgen, dass es uns gut geht, doch wir sehen offenen Auges, dass deren Problembewältigung darin besteht, Probleme nach außen zu verlagern: an die Stadtränder, an die Grenzen, über Deutschland hinaus an die Außengrenzen, wo jetzt der Terrorismus beginnt aufzublühen. Diese ausgeblendeten Probleme kommen jetzt alle zurück und damit schließt sich ein bestimmter Regelkreis.
Es wird gesagt, Demokratie gehöre zu den westlichen Qualitätsstandards. Wenn das so ist, dann wird es Zeit, dass wir sie auch selbst hervorbringen, statt immer nur Nutznießer dieser Werte zu sein. Wenn Demokratie den aktuellen Zerreißproben standhalten soll, dann muss sie in mir selbst begründet sein, dann reicht es nicht aus, dass ich mich dieser Sache nur bediene.
Wie können wir aus bekannten und gewohnten Handlungsmustern zu etwas derart Neuem kommen?
Das wirft die Frage nach unserer Unfähigkeit auf. Wir kommen mit unseren bisherigen Methoden nicht mehr weiter und es stellt sich die Frage nach der Fähigkeit nochmal ganz neu. Wo entsteht Fähigkeit? Sie entsteht in der Unfähigkeit, sagt Joseph Beuys: „Auch die Unfähigkeit ist Fähigkeit“. Das ist der Punkt, den man Kreativität nennt. Alles andere, was aus bereits eingespielten Fähigkeiten resultiert, hält uns vom eigentlichen Ausgangspunkt weg, es schneidet uns ab, von der Frage nach dem Ursprung. In diesem Zustand befinden wir uns heute. Er vermittelt uns eine vermeintliche Sicherheit.
Wir sollten uns an den Gedanken gewöhnen, diese Komfortzone verlassen zu müssen, um nochmal ganz neu anfangen zu können. Und uns nicht einbilden, wir könnten auf etwas bereits Erreichtem auf bauen. Wir wissen alle noch nicht, wie es gehen kann, das ist unser großes Kapital.
Vorbilder gibt es nicht. Wo sollen wir also eine Alternative herholen, wenn nicht aus unserem Denken?
Neues beginnt damit, dass wir es uns vorstellen?
Solange wir uns nur an Dingen orientieren, die wir uns vorstellen können, bleiben wir in Vergangenheitsbildern hängen. Weil eine Vorstellung ein Bild ist. Das Bild wollen wir ja überhaupt erst erzeugen. Wir dürfen nicht von Möglichkeiten ausgehen, sondern von Notwendigkeiten. Erst wenn wir von Notwendigkeiten ausgehen, entwickeln wir Möglichkeiten und Fähigkeiten. Wenn man nur von Möglichkeiten und Fähigkeiten ausgeht, bleibt man immer in dem hängen, was schon da ist.
Dadurch werden wichtige Notwendigkeiten ausgeblendet. /
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Johannes Stüttgen
Künstler, Mit-Initiator des OMNIBUS FÜR DIE DIREKTE DEMOKRATIE.
Andrea Adamopoulos
langjährige Mitarbeiterin des Omnibus.