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Gott oder Knall? – 1.8.7 (Szene 62) – Eltern, Kind und Kinderstube, 2. Auflage — eckehardnyk, bb

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eckehardnykbumi bahagia / Glückliche Erde

LebenmenschmachtWeisheitschön

Eckehardnyk, 2. März NZ 13

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Wer erklärt uns die Welt?“

titelte 1998 das Monatsheft GEO. Man berichtete über die Annäherung zwischen Mystik und Naturwissenschaft. Sicher, da wird viel Wissenswertes bewegt. Aber was antwortest du,von eurem Kind gefragt: Wie funktioniert Welt? Da steckt doch in jedem seiner unzähligen Warums eine Bitte, die zugleich Zumutung vom Höchsten und Wirkung vom Tiefsten ist. Sehen wir’s von der einfachen Seite: Der, der die Welt geschaffen hat, sollte sie auch, bitte, erklären!

2

Für euer Kind bist Du Schöpfer, folglich auch Erklärer. Gehörst zu denen, die Gott für den Urheber halten, solltest du dich im Lauf deines bisherigen Lebens den Sinn Seiner Schöpfung von Ihm erklärt haben lassen. Wie du das anstellst, bleibe deiner Intuition überlassen. Und daraus kannst du eurem Kind, möglichst bildhaft und sinngemäß etwas berichten. – Denkst du  stattdessen an einen Knall als Beginn für das All, na dann, viel Glück! Die Frage ist eben, wer oder was waltet eigentlich in Allem, was ist, in den unermesslichen Räumen, in der scheinbar endlosen Zeit und in den Abgründen einer Seele?

3

Ist es tatsächlich der Nachhall vom Urknall? Oder bildete den Uranfang das Göttliche doch? Wie gesagt, unser Kind vertraut voll darauf, dass wir, also auch du, das wissen, und, was noch viel schwerer wiegt, dass wir das auch sind, was wir wissen. Da bist du im ersten Moment überrascht oder siehst dich auch als überfordert einer solchen Vollkommenheitsunterstellung1 gegenüber, abgesehen von der Zumutung an Wissen und Sein! Doch dein Kind mutet dir nur das zu, was du, wenn auch mit Anstrengung, vermagst;  es verdankt den Eltern – zumindest leiblich – sein Dasein und es hält sich vorerst ans offensichtliche und leibliche Sein; und an den, der es bewirkt, der es „gemacht“ hat. Denkst du jetzt an den Klapperstorch? Der bist du selbst.

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Mal ehrlich, bei welcher Vorstellung fühlst du dich besser? Ein Knall zu sein oder ein Gott? Du magst denken, ich hätte ja einen Knall, vielleicht ein Knalltrauma; doch die Anfragen meiner kleinen Klienten haben immer einen Nachhall erzeugt, in dem mehr mitschwingt (waltet!) als ein Mordskrach. Da zwitschert so etwas wie Besinnung, ein „Wozu das Ganze?“ mit. Und immer, wenn du über die kosmische Entstehung sinnierst, könntest du weit innen oder tief unten eine Stimme raunen hören: „Und du auch  bist mehr oder weniger dabei gewesen!“ Das klingt wie die Sonne, die in jedem von uns wie im Faust-Prolog  „nach alter Weise“ tönt. Wir sollten darauf immer wieder mal achten. Doch wenn wir genauer hinhören, werden wir gewahr, dass wir außer dabei, es sogar selbst gewesen sind; denn was wir in uns haben, sind außer der „Sonne“ Wir selbst. Und Selbstsein ist auf einer höheren Stufe der Entwicklungsstufe Gott Sein, das vom Urbeginn an in jedem Menschen vorhanden war.

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Deshalb trifft auch auf dich zu, was Goethes Faust I -Prolog die Sonne sein lässt, etwas, das niemand ergründen kann und mag. Das ist der Mensch in seiner Tiefe, Höhe und Weite; das sind wir. Und dein Kind wird es ebenfalls sein. Wir Meenschensöhne sind es. Das mag dich zunächst erschüttern, aber es ist der Grund, warum wir Gottn nie mals zu sehen bekommen, so wie ohne Spiegel wir uns selbst nie ins eignen Auge blicken könne. Er ist dennoch „mitten unter uns“(wenn wir ihn reiulassen), zu finden, wenn nur zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind.2 Bleib bei ihm, sei mutig Er, also Du selbst in dir, dann bist du auch du selbst in dir

6.

Jetzt verstehen wir auch besser, warum unsere Kinder solch immenses Zutrauen bei uns finden. Sie erleben live das Spiel „Schöpfungsgeschichte“ mit ihrer augenblicklichen Existenz, ein „Mysterienspiel“, wenn das erlaubt ist zu sagen. Es ist das Vertrauen, das dadurch entsteht, dass der Verursacher von Allem auch in Allem waltet in Allem, was ist. Und der Garant dafür sind für euer Kind zunächst ausschließlich nur Eltern, bei Waisen die konstanten Begleiter, in welcher form auch immer.

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Akzeptieren Sie diese Rolle in aller Demut! Halten wir uns gemäß der Anschauung des Kindes3 einfach stellvertretend für Gott, quasi als dessen Vikar auf Erden; das reicht eurem Nachwuchs. Es soll durch euch ja nur die Voraussetzung bekommen, dass es am Ende der Zeit sein eigner Schöpfer sei, auch wenn eines Tages die Heimkehr aussieht wie der „verlorene Sohn“ (oder wie die verlorene Tochter), und zu Hause „bei sich“ (chez soi, wie man Französisch sagt) in seinem Geist den Ursprung, den wahren und einzigen Vater als den Grund für sich und für Alles und sich selbst finden kann. 4

_________

1 SieheKapitel 2.12 Vollständigkeit contra Vollkommenheit, ab Szene 84. Niemand auf der Erde Inkarniertem wird unterstellt, vollkommen sein zu müssen

2 Matthäus 18,20

3 Auch wenn der Entwicklungsgang dahin noch so lang dauert

4 Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn existiert nur bei Lukas 15,11-32

(c) eah, Abenteuer Erziehung 2012 und 2. März 2026

Wer Walter heißt, sollte sich freuen – 1.8.6 (61) Bündnis mit Kindern (hier als Eltern, Kind und Kinderstube, 2. Auflage) — eckehardnyk, bb

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verantwortungdeep stateherrschaftIdentifikationAbenteuer Erziehung

1

Eckehardnyk – Mittwoch 4. Februar NZ 13

1

Walter – ein schöner Name? Der sprachlichen Herkunft nach ein Germanischer, den du auch im Englischen wiederfindest, wie bei Sir Walter Raleigh, dem Seefahrer, Dichter und heimlichen Liebhaber der königlichen Elisabeth I. von England.

2

Wenn du Sohn oder Tochter benennst oder taufen lässt, denk darüber voraus, was in den Wörtern stecken könnte, mit denen sich deine Kinder ein Leben lang identifizieren müssen! Früher waren Heilige die Namensgeber, heute werden moderne Helden aus Kino, Sport sowie Rock und Pop zu „Paten“. Viele Namen sollen nur gut klingen und an jemanden erinnern, der prominent genug ist und genau so heißt. Was aber ist, wenn die Prominenz nachlässt oder in Misskredit gerät? Oder bei Abwandlungen des ursprünglichen Namens?

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Wer weiß schon, dass Anke Niederdeutsch Anna verniedlicht und demnach ein „Ännchen“ ist? Oder dass Sascha einen Russischen Aleksandr verkleinert, also ein „Alexanderchen“ daraus macht? Und was bedeutet Alexander überhaupt?

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Die Griechischen Bestandteile des Wortes meinen eine „Gestalt, die Männer bekämpft oder beschützt“. Wer das Beides konnte, musste viel Macht haben und konnte einen Herrscher, wie Alexander den Großen, abgeben. Damit sind wir von der Bedeutung her wieder bei Walter. Das in ihm steckende Tätigkeitswort walten bedeutet so viel wie „herrschen“.

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Warum ich dich mit diesen Details beschäftige? Ganz einfach: Damit etwas hängen bleibe! Denn solltest du alles aus dieser Serie vergessen – an die Behandlung von Namen erinnerst du dich (insbesondere, wenn der deine dabei war). Das liegt daran, und deshalb geht uns das Thema an, dass im Namen tatsächlich etwas waltet, etwas anwesend ist, das eine kaum bemerkbare Herrschaft ausübt.

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Dies kann ein Name an sich schon stark genug, sodass sogar ein Berufsstand dafür entstanden ist, der Namen erfindet oder Wirkungen auf Träger eines Namens untersucht. Gegebenenfalls werden Gutachten erstellt und Änderungen empfohlen, was in seltenen Fällen gerechtfertigt sein mag.1 Es erscheint mir edel und hilfreich, wenn du – zumindest für dein Kind – dich etwas mit dem beschäftigst, was so alles in einem Namen mitschwingt und waltet. 2

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Es ist erstaunlich, dass wir im Deutschen dieses Verb walten noch haben. Es drückt eine ständige, meist unterbewusst wirkende Anwesenheit von Durchdrungensein aus, das unangefochten, weder wählbar noch abwählbar ist. In Gewalt schafft sich diese Macht einen explosiv bedrohlichen Ausdruck, gewissermaßen das Ende gewaltfreien Waltens anzeigend.

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Verantwortliches Walten möchte ich dir als Grundeinstellung beim Bündnis mit Kindern – Abenteuer Erziehung und als wirksames Werkzeug an die Hand wünschen: Walte deines Amtes! – So heißt es auch bei manch feierlichem Anlass. Walte da, wo man dich wünscht und braucht, indem du nur da bist. Wir legen unsere Zeit richtig und gut an, wenn wir in der Gegenwart unserer Kinder walten, also ihnen vernünftig und gewissenhaft vor- und beistehen. Auf dieses Walten baut dein Kind sein Vertrauen. – „Papa (oder Mama) wird’s schon richten“,3 wenn mal was schief geht.

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Es schwebt und schwingt4 – als Verlässlichkeit durch sein kindliches bewusstes und unterbewusstes Dasein. Auch als Eltern braucht ihr nur da zu sein, das heißt, zu leben und euren Sinn in euch selbst zu finden! Waltet, seid da und dabei! Darin waltet ein Geheimnis, das sich mit dem Leben verbindet, längst auch bevor wir als Erwachsene ein Bewusstsein davon haben.

1 Umbenennungen als Politik sind indessen ein Missgriff, da die Sprache, ähnlich wie Bildung, sich der organisierten Verwaltung entzieht (siehe Szene 123 von 144 Söhne)

2 Wir wissen ja auch, wie mächtig eine Verwaltung sein kann und wie viel Verantwortung auf einem Sachwalter (Sachbearbeiter, Stellvertreter, Verwalter) liegt. Deep State ist nichts weiter, als die sich zur Herrschaft berufen fühlende Staatsverwaltung

3 „werden es walten“ wäre die dazu etwas altertümelnde Entsprechung

4 Siehe dazu die Bedeutungsfülle von Englisch to sway „schwingen, schwanken; schwenken; geneigt machen“


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(c) eah 2012 „Abenteuer Erziehung“ (bei tredition, Hamburg) sowie hier und heute, 4.2.2026

Lernende und Lehrende -– 1.8.4 (59) – Bündnis mit Kindern — bb, Eckehardnyk

lernengehirnLehreStillstandstoffwechsel

8. Dezember Dienstag NZ13 – Eckehardnyk

1
Lernen geschieht häufig im Schlaf. Dennoch kannst du dein Kind dazu ermuntern, in der Schule hell wach aufzupassen. Aber du hast sicherlich auch schon erlebt, dass du morgens eine Lösung für ein Problem hattest, das dir gestern unmöglich vorgekommen war:
Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf 1)

ist die dazu passende Einstellung – günstig für Lehrende; denn sie müssten nur darauf achten, dass ihre Zöglinge genug schlafen, und der Lehrstoff würde „sitzen“. Warum sprechen wir darüber? Es geht hier um eine Lehre, die nur selten in einem Kolleg oder von einer Kanzel glaubwürdig behandelt werden kann: Vertrauen!

2

Was das ist, besprechen wir gleich. Es geht darum, wie es zu uns komme und möglichst lange bleibe. – In dem Moment, da wir unserem Kind nämlich sagen müssen, dass es Vertrauen haben soll, könnte es misstrauisch werden, ob unser Vertrauen eben mal verschwinden gegangen wäre.

3

„Ändert eure Gesinnung“ 2) habe der Täufer Johannes den Leuten so lange gesagt, bis ihm der Kopf abgeschnitten wurde. Er hat sie lehren wollen, auf ihr ewiges Innere zu vertrauen. Der, welchem er den Weg vorbereit hatte, ist über die Lehre hinaus dieses ewige Innere, dieses Ich selbst gewesen.
Zu jedem Kind gehört solch ein Ich. Der Drang nach ihm als einer Wiege der Sicherheit und Schöpfermacht, ist in jedem von uns angelegt. Das Kind darin aufwachen zu lassen, das sei Arbeit und Liebe eines Erziehers und eines jeden Lehrenden! Lernen und Lehren sind ja eng verknüpft, das Eine funktioniert nur mit dem Andren. Sie sind die Pole einer rotierenden Kugel. In beiden finden wir Bereitschaft, sich umeinander zu drehen, das heißt, in einen Stoff hineinzuschlüpfen. Am Ende der Lektion ist die Kugel von A nach B gerollt.

4

Es soll auch Kugeln geben, die während des Rotierens auseinanderbrechen; denken wir an zwei ineinander gesteckte sphärische Schalen, die über ein Hindernis holpern und dabei aufspringen. Damit endet dann der (bildlich als Kugel in zwei Sphären dargestellte) Lernprozess.
Sehr viele Schulkinder sind heute in einer solchen Lage, dass sie vom Lernen abfallen. Sie seien
aufmerksamkeitsgestört, durch Schuldängste gehemmt, hyperkinetisch oder viel Undurchsichtiges mehr.

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Der Ausstieg mag wohl durch einen Stoffwechselvorgang im Gehirn begleitet und deshalb auch medikamentös behandelbar sein. Eine Heilung tritt jedoch erst ein, wenn Lehren und Lernen wieder in vernünftige Einheit mit der Welt führen und einen zur Epoche passenden Zusammenklang der Gefühle erzeugen, also eine „runde Sache“ werden, und Lehrpläne mit kaum zu bewältigenden „Stoffen“ Geschichte sind.

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Die Opposition gegen das Lernen lässt sich ja häufig so vernehmen:
„Wozu soll ich das denn überhaupt alles wissen? Es interessiert doch kein Aas, ob ich das weiß oder kann!“
„Oh doch“, sagt ein Vater:
„Wenn du eine Bewerbung schreibst und die voller Fehler steckt, hast du schlechte Karten. Deine Konkurrenten, die richtig schreiben gelernt haben, stechen dich aus.“
„Ist mir doch scheißegal“, kämpft sich der Sprössling zurück,
„soll der doch die Stelle kriegen, mich kotzt das an, stundenlang in’ner bekackten Firma und dann so was von’nem Boss vor der Nase, der nur Scheiß will. Nö, ich will weg, mir hängt das sonst wo raus!“
Der Vater ist ratlos. Er hätte jetzt gerne einen Coach oder Psychologen. Aber der junge Wilde würde vor dem doch nur davonrennen. – Warum eigentlich?

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„Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns Taten sehen und handeln!“ – So etwa könnte die Antwort lauten. Mit Worten lernen Kinder so lange, wie sie sich dabei „drehen“ dürfen. Das Stillsitzen bedeutet Stillstand, Stagnation. Die Sphären unserer wertvollsten „Kugel“, des Kopfes und das Gehirns, werden gespalten. Wir brauchen jedoch beide Hälften, und diese haben, wie die Hirnforschung präzise gezeigt hat, ganz verschiedene Aufgaben (Zuständigkeiten). Abstrakte Fähigkeiten werden links, intuitive rechts verwaltet, genauer gesagt verortet oder aufgefangen. Die Rebellion richtet sich in der Regel gegen zu viel Gerede „für links“. Deswegen lassen weise Lehrer Lernstunden mit einem Spaziergang „für rechts“ beginnen,3) den sie „mit links“ ein wenig vorbereiten.


1) Psalm 127 2) Markusevangelium 1,4 von metanoia „Sinneswandel“ ist im Griechischen Urtext die Rede 3) siehe „Rhythmischer Teil“ in den Waldorfschulen vor dem Unterricht

(c) eah Abenteuer Erziehung 2012 und 8. Dezember 2025

„Tiere sehen dich an“ – Bündnis mit Kindern 1.8.2 Szene 57 — Eckehardnyk, bb

Gefühlsmenageriein eine Rolle schlüpfenInnere MitspielerKontakterfahrungenStraße überqueren

Eckehardnyk, Mittwoch 22. Oktober NZ 13

1

Gefühle, insbesondere Gerechtigkeit betreffend, sind bei Gericht heute irrelevant (auch wenn sie dort zum schmutzige Wäsche waschen und Schaum schlagen willkommen sind.) Entschieden wird nach Lage von Vorschriften und Bestimmungen, die man in den meisten Fällen aus Gewohnheit „Gesetze“ nennt, weil „staatliche Organe“ sie erlassen haben. Im Gerichtssaal selbst erhält man ein „Urteil“. Auch Manager und Politiker glauben, immer wieder auf ihre „Unabhängigkeit“ von Gefühlen hinweisen zu müssen.

2

Dabei ist schon die bloße Erwähnung von Gefühlen ein sicherer Garant, dass sie bei politischen Entscheidungen eben doch mitwirken. Dies sollte hier nur diskret, wie eine kleine, feine und ewige Wahrheit angemerkt werden.

3

Wer gesehen hat, wie ein Kanzler nach sechzehn Jahren unter Tränen beim Zapfenstreich von seinem Amt Abschied genommen hat, der sollte auch berücksichtigen, dass in diesem Menschen Gefühle bei Amtshandlungen anwesend waren und gerade auch da, wo er „am laufenden Band entscheiden“ musste. Weint man einer gefühllosen Laufbahn eine Träne nach?

4

Welche Rolle spielen sie nun? Was sind sie überhaupt? Wo kommen sie her, wo gehören sie hin? Ein mir bekannter Psychotherapeut lässt seine Patienten ihre jeweiligen „Iche“ in Rollen darstellen. Wenn ein Klient sagt:

„Ich war wütend über den Busfahrer, der mir die Tür nicht geöffnet hat“

dann fragt er zum Beispiel zurück: „Welches Ich?“

5

Damit soll auf den Ich-Anteil gedeutet sein, der in so einem Moment von einer Emotion total überwältigt ist. Dann sucht man nach einem vergleichbaren Wesen, das diese Rolle normalerweise spielt, etwa einen Hofhund, der bellend an seiner Kette hochfährt, wenn ein Fremder in sein Revier eindringen könnte. Wir haben es mit inneren Mitspielern zu tun, die uns beobachten und bei passender Gelegenheit in unsere Rolle schlüpfen.

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Da könnte unsere Gefühlswelt mit dem schönen alten Titel von Paul Eipper benannt werden Tiere sehen dich an.1 Ja, die fallen uns innerlich direkt an, oder treten wie Klein Zaches 2 an unserer Stelle nach außen, wenn wir es ihnen gestatten.

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Deshalb wollen wir es als geboten ansehen, unser Kind auf Gefühle, die ich auch „Kontakterfahrungen“ nenne, einzustimmen; es vorzubereiten und ihm den freien Zugang zu seinem „Zoo“, zu seiner Gefühlsmenagerie zu ermöglichen. Es ist wichtig, dass dies auch zwischen Weihnachten und Geburtstagen geschehe! Wenn du dein Kind für das Überqueren einer verkehrsreichen Straße „erziehen“ willst, gib ihm deine Gefühle mit und sag: „Du sollst erst links und dann rechts schauen und, wenn die Straße frei ist, gerade, nicht schräg, Marsch, Marsch über die Fahrbahn, das heißt, zügig gehen, nicht rennen!“

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Durch solche Reden baust du im Kind eine Brücke, über die es gleichsam getragen wird, wenn es sich in der Situation draußen an dich erinnert. Es findet in seinem Gemüt etwas von zu Hause wieder, wenn du mit ihm im Bewusstsein und mit der Tönung deiner Erfahrungen redest. (Denk an die Insel im Ozean aus Liebe, Szene 33, oder Das Hindernis aus Liebe, Szene 32, die auftaucht, diesmal als innerlich gespürte Hemmung blindlings über eine befahrene Straße zu rennen.) Sollte die eben genannte Einwirkung dein Kind gleichgültig lassen, so müsstest du an der Eindrücklichkeit deiner Rede arbeiten, damit Gefühle transportiert werden können. Oder erzähle ihm ihm eine kleine Geschichte:

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„Ein Mann will im Sommer über ein Gebirge, packt seinen Rucksack voll Flaschen und hastet den Berg hinauf. Noch bevor er oben ist, bricht er zusammen, und seine Last kullert ins Tal zurück. Ein anderer Mann hat denselben Weg, er nimmt sich auch genügend Wasser mit, teilt seine Kräfte ein, bewahrt die Übersicht und kommt oben heil an“

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Dann vergleicht ihr die Geschichte mit der Situation auf der Straße, und achte darauf, ob es mit eeinem Nicken bestätigt, dass es mitgekommen. Erst dann hat es die Parallele begriffen. Von da an wird es eine Fahrbahn wie einen Fluss auf einer schwankenden Hängebrücke passieren.


1 Paul Eipper (1891-1964) publizierte dies 1928 und schuf einen neuen Typ der Tierdarstellung (siehe www.detlef-heimsohn.de „Die Bücherkiste“

2 E.T.A. Hoffmann (1776-1822) Klein Zaches genannt Zinnober 1819

(c) EAHilf, Abenteuer Erziehung 2012, sowie 22.10.2025

Stell dir vor, du wärest Leuchtturm oder Baum! — bb, eckehardnyk

KinderStimmeCharmebehütendbezaubernd

Eckehardnyk, Montag 23. Dezember NZ 12​

Vergleiche sind oft eine gewagte Sache, sie kommen mitunter behindert zur Welt und bedürfen orthopädischer Behandlung, sie hinken. Man könnte auch sagen, sie seien heiser oder sie schielen. Eine wünschenswerte Eigenschaft des Menschen ist seine Umsicht. Betrachten wir einen Leuchtturm:

Er ist weithin sichtbar. Er braucht keine „Kollegen“, die ihm Schutz geben

Sein Konstrukteur hat dafür gesorgt, Stürme zu überdauern. Ähnlich einem Baum auf freiem Feld, der, über Bergwiesen verteilt und in Parks, seine Äste in jeder Höhe nach allen Seiten ausbreiten und mitschwingend dem Wind aus jeder Richtung etwas entgegen setzen kann. Vorbilder dieser Art mögen uns für einen Vergleich mit dem Menschen zugänglich machen. Die Aufmerksamkeit des Menschen soll wie ein freistehender Baum signalisieren:

Hier bin ich

Baum im freien Feld oder Leuchtfeuer (Martinshorn, Glocke oder Glucke)

von allen Seiten sichtbar und hörbar

2

Das würde auf Sie übertragen bedeuten:

Du bist Alles, worauf es jetzt ankommt.

Ein ganzes Spektrum von wichtigen Funktionen

wird gebündelt und von dir als „Leuchtturm“ ausgestrahlt:

Deine Bereitschaft, dich für dein Kind einzusetzen, indem du es mit deiner Umsicht behütest

So wandelt sich ein Leuchtturm oder ein freistehender Baum – zurück gedacht in deine Person – in strahlende Augen, in eine vielschichtig vielseitige Stimme, in intelligentes Zuhören und in was weiß ich alles an Erfahrung, Umsicht und Übersicht oder was sonst noch ein Vertrauen in deine Fähigkeiten begründen mag.

3

Es sind ganz wenige Veränderungen, die du brauchst, um deine Stimme zu beherrschen, und man muss sie zumindest am Anfang eisern im Bewusstsein behalten. Schlüpf ruhig in das Charakteristischste einer anderen, von dir bewunderten Wesenheit hinein. (Das machen uns die Kinder doch selbst vor – wenn wir sie frei lassend beobachten). Damit verändert sich deine Einstellung und legt sich auf deine Stimme.1 – Genauso verfuhr das Leben auch, für dich bisher unbewusst, wenn es unliebsamen Ereignissen erlaubte, sich dir „auf die Stimme zu schlagen“.

4

Als weibliches Wesen hast du möglicherweise oft den Eindruck, dass du überhört wirst, und musst dich deshalb permanent stimmlich anstrengen. Das überträgt sich auf jene Zuhörer, die deine Kinder sind. Die haben diese Stimme bald satt, welche auf Schritt und Tritt deine Anstrengung überträgt; und du wiederum fühlst dich – übersehen! Eine Stimme, die signalisiert:

Ich will endlich auch mal gehört werden!

sieht aus wie ein Baum, weitgehend ohne Äste. Er weckt Zweifel, ob er nach allen Seiten hin zuverlässig, wachsam und unbeugsam zu sein, und auf deine Stimme übertragen ob sie zuständig ständig sein kann und ob letztlich ihrem Besitzer die verzweifelt behauptete Kompetenz zuzutrauen sei. Aufmerksam und umfassend sein ist jedoch beim Umgang mit Kindern die Voraussetzung, um verbindlich, locker und warm anzukommen.

5

Deshalb sagen große Sänger, das wichtigste Organ beim Übertragen der Stimme ans Publikum seien Füße und Zehen. Gute Verankerung ist also das Eine, aber Umsicht das Andere.2

Dieses Verständnis von Aufmerksamkeit bringt dich an den Punkt, wo deine Stimmlippen die Stellung erreichen, in der du sie am wenigsten anstrengen musst, nämlich in die so genannte Indifferenzlage. Jeder öffentliche Redner muss sie finden, um „Aufgesetzt sein“ zu vermeiden. Du willst aber weit mehr erreichen, als ein guter Nachrichtensprecher (,den du ruhig mal für dich allein imitieren solltest, um Stimmwechsel an dir selbst auszuprobieren). In einer durch ein Rollenspiel wandlungsfähig gewordenen, zum Beispiel „gütig gebietenden“ Stimme liegt ein Charme, mit dem du dein Kind durchaus bezaubern darfst. Und wenn du das kannst, überträgt sich das auch auf deine bezaubernden Kinder.

1Vergleiche vorige Szene 42 sowie Szenen 17 und 4

2Siehe Szene 35

(c) eah 2012 und 23. Dezember 2024 (Abenteuer Erziehung, zweite Auflage)

​Wo man mit der Liebe anfängt 42 von 144 — eckehardnyk, bb

Mit welcher Stimme hörst du dich am liebsten??

Eckehardnyk

Montag 2. Dezember NZ 12

1

Mit der eigenen Person fängt die Liebe an. Und bei der eigenen Stimme hört sie meistens auf. Leute von Funk, Fernsehen, Theater und Politik lieben berufsmäßig den Klang ihrer Stimmen und Reden. Die meisten anderen Menschen sind jedoch entsetzt, wenn sie zum ersten Mal eine Aufnahme ihrer Stimme hören. Es ist ratsam, den ersten Eindruck vom Hören der eigenen Stimme aufzuschreiben.

2

Ich erinnere mich, dass unser Musiklehrer in der achten Klasse von jedem Einzelnen eine Lied Probe auf Tonband aufnahm. Als ich mein Vom Barette schwankt die Feder anhören musste, dachte ich erst, das sei jemand anders. Dennoch war mir „Alles“ daran bekannt. Auch dieses ein klein wenig in sich selbst Verliebt sein kam für mich zum Ausdruck, indem mir die eigene Stimme vorkam wie die eines Jungen „vom Film“. Am ernüchtererndsten aber war für mich damals das Empfinden von Unfertigkeit, von Herumrätseln, wofür diese Stimme gut sein soll, welche Kompetenz ihr überhaupt zukommen soll. Der Gesamteindruck war „peinlich, sich selbst beim Gesang zu vernehmen“.

3

Mach diese Erfahrung ruhig selbst, analysiere und schreib den ersten Eindruck auf und hör von Zeit zu Zeit mehr von dir selbst, um „dich mit dir selbst“ zu befreunden. Selbstakzeptanz hat eine wichtige Vorbildfunktion für dein Kind. Indem du das eigene Instrument kennen und mögen lernst, vermeidest du auf die Dauer dessen „Verstimmung“. Durch Videoaufzeichnungen von sich selbst bringst du außerdem deinen Körper ins Bild und kannst dir leicht die Frage beantworten:

Mit welcher Stimme höre ich mich, und in welcher Verfassung sehe ich mich für die Dauer des Lebens am liebsten?

Christus, als er nach dem wichtigsten Gebot gefragt wurde, sagte dazu:

Das Erste ist: Ich bin der Herr (usw.), das andere aber ist ihm gleich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!1

4

In der Zeitschrift GEO von Dezember 1998 ist ein Hauptartikel der menschlichen Stimme gewidmet. Unser Stimmorgan sei relativ jung, hieß es dort. „Der Schöpfer“ oder „die Evolution“ habe sich Zeit gelassen, bevor dieses Werkzeug in die höheren Gattungen eingebaut wurde. Insekten, Schnecken, Würmer und Fische müssen noch immer geruchsmäßig, elektronisch, magnetisch oder irgendwie optisch kommunizieren. An der Stimme nimmt unser Bewusstsein, ja sogar unsere möglicherweise vorhandene Eitelkeit, weniger Anteil. Wir pflegen unser Haar, die Fingernägel, die Haut und überhaupt unser Image um vieles besser.

5

Dabei hat Gerhard Schröder mit nur (s)einer Stimme die Wahl 1998 für sich entschieden. Mit seinem klangvoll eigenen Organ, das jedem ein Kopfnicken abverlangt, konnte er sich mit „höherer Kompetenz und Liebenswürdigkeit“ glaubwürdig darstellen, besser als durch die Texte der gehaltenen Reden. Aber hinter den Kulissen wäre zu vermuten, dass bewusst auf die Wirkung dieses wahlentscheidenden Mittels hingearbeitet wurde.

6

Was tust du, damit du deine Wahlen gewinnst? Pflegst du deine eigene Stimme? Rauchst du? Hörst du dir beim Sprechen, Singen, Weinen oder Lachen gern oder nicht gern zu? Singst du? Das wäre ein Anfang. Ein Anfang für pflegerisch selbsterhaltenden Umgang mit sich selbst, ein Beginn eines behutsamen „Sich lieb Gewinnens“.

7

Ein Mensch, der immer in gleicher Tonhöhe, Lautstärke, Intonation redet, erreicht mit Sicherheit, dass bei ihm weg gehört wird. Entweder versetzt eine solche Stimme in Trance, oder erzeugt diesen Weghöreffekt, den wir bei Kindern auch häufig antreffen. Und dann wundert man sich, warum die nur bei Anderen aufs Wort gehorchen. Erst beim fünften Mal, wenn deine Stimme schon laut geworden ist, beim Schreien und Explodieren, wirst du von ihnen erstaunt angeschaut, und dein Wille erfüllt sich.

Hättest du gleich los geschrien, besser „gesungen“, dann wärst du ebenso energisch aber mit wesentlich besserer Laune ans Ziel gekommen und das Kind wäre (unverletzt) der Aufforderung nachgekommen.

8

Während in Fällen, wo es ums Überleben geht, Kommando oder Befehl von dir möglicherweise, um jedem Irrtum beim Kind auszuschließen, schon von Anfang an deutlich, laut und verbindlich geschieht, lässt du vielleicht bei kritischen Fragen die Stimme neutral oder „formell“ erklingen, woraus sich womöglich eine Diskussion ergibt; wogegen Stimme senken, Raunen oder Flüstern angebrachter wären, um sich gewünschte Aufmerksamkeit zu verschaffen.

9

Neugier, Humor und Fantasie weckende Stimmen sind in der Regel potentere Helfer als ein trocken oder müde wirkender Tonfall. Ungewohnte Aussprache von Wörtern, auf deren Vernehmen du größten Wert legst, kann durch Wispern und Flüstern oder das in manchen Gegenden fremde mit der Zunge gerollte R aufhorchen lassen und einen anderen Weg zur Kommunikation öffnen. Witzige Stellen gehen in der Erinnerung Ihres Kindes vor Anker, wenn deine Stimme einen Ankerplatz bietet. Schließlich kannst du mit dem Instrument Stimme in jeder erdenklichen Rolle auftreten.

© eah 2012 und 2. Dezember 2024

1 Matthäus 22,37-39

Und die Natur? – Szene 40 von 144 neu – Denkend sich formen und bewusst werden — bb, eckehardnyk

​Bündnis mit Kindern, Abenteuer Erziehung 2. Auflage​

Eckehardnyk Mittwoch 6. November NZ 12

1

Allzu leicht wird heute Natur mit „Umwelt“ gleichgesetzt. Für unsere Stellung in der Welt ist der Unterschied jedoch bedeutender, als es zunächst scheinen mag.

Die Umwelt scheint zunächst das zu sein, was unmittelbar in der Umgebung liegt. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich Umwelt als das, wovon eine Wesenheit abhängig ist. In dem Maße wie der Mensch von der Natur emanzipiert ist, kann er seine Umgebung frei gestalten und wählen. Doch hat er sich niedergelassen, entsteht auch für ihn eine Bindung an seine Umwelt.

2

Ein Tier braucht seine Umwelt zum Überleben, es ist mit einer speziellen Ausrüstung dafür angepasst. Dabei ist die Umwelt eines Tibetischen Bären, dessen Yeti-Geheimnis Reinhold Messner gelüftet zu haben scheint, mit ungefähr 500 Quadratkilometern ein richtiges Land, während eine Laus sich mit einem „Grundstück“ auf deinem Skalp zufrieden geben würde. Auch die Umwelt des Menschen ist sehr verschieden. Sie wird einerseits von den in ihr zu verrichtenden Arbeiten, die zu Berufen werden können, andererseits von seiner Einstellung und seinen Ansprüchen der Welt gegenüber bestimmt. Für manche ist der ganze Globus Umwelt, für andere nur die eigene Straße. Mir begegneten in Berlin Westberliner, die noch nie den Kurfürstendamm betreten hatten.

3

Natur dagegen ist einfach da und das überall. Es gibt sie, ob wir sie wahrnehmen, träumen, schlafen oder tot sind.1 Während „Umwelt“ alles Mögliche vom „Bewohner“ Gestaltete sein kann, ist Natur immer vor uns vorhanden. Wir finden sie „draußen“ im Wetter, im Klima, in den Elementen, in den Naturreichen von Pflanze, Tier und Mensch; in Mensch und Tier auch „drinnen“ als Instinkt, Trieb, Bedürfnis und Lebendigkeit. In der „Natur des Menschen“ auch als Traum, Fantasie, Sprach-, Denk-, Erinnerungs- und Ichfähigkeit. Das Gemeinsame der inneren und äußeren Natur ist das Chaos. Du zögerst, mir da zuzustimmen? Du denkst an die ungezählten Formen, die Schneeflocken und Regenbögen, die Sie aus der Natur kennen? Wie kann man das Chaos nennen? Sie haben damit auch Recht; doch Chaos und Ordnung sind nur zwei Seiten derselben Medaille.2

4

Da Natur unabhängig von ihrem Produzenten einfach da zu sein scheint, müsste sie ihre Form aus sich selbst hervorgebracht haben. Folglich wäre ihr Schöpfer in ihr anwesend. Jedoch, wann sagt er uns das? Er scheint darauf zu warten, dass wir seine Spur finden. Er ist gerade so erzählfreudig wie eine Katze. Also sprechen die Menschen von der „blinden Gewalt der Natur“, wenn sie als Katastrophe über sie hereinbricht. Sie sagen „blind“ oder „roh“ in der Annahme, dass der Natur eine Ordnung oder ein Plan fehle, nach dem sie wütet, wenn sie aus dem Stand in Zorn geraten könne. Da sehen Sie das Chaos! Das sieht bei der Balgerei von Tierkindern entzückend aus; aber entsetzlich im Erdrutsch, in der Lawine, wenn Hof, Maschinen und Vieh darin zugrunde gehen. Natur lässt andererseits anscheinend auch Alles mit sich machen.

5

Doch ein ihr aufgedrücktes Geschehen hat immer Folgen, weil es eine Gestaltung ist. Gestaltungen haben eine Geschichte, die Spuren hinterlassen. Natur verarbeitet auf natürliche Weise diese Spuren, das heißt, sie „erzählt“ die Geschichten, die der Mensch ihr beigebracht hat, weiter. Das habgierige Ausbeuten und Vernichten von Wald ist eine solche, extrem wilde Geschichte, eine „Kriminalserie“ mit Schauplätzen rund um die Erde. Katastrophen gehören dazu und sie sorgen für erhebliche „Einschaltquoten“. Auch in uns selbst kennen wir die „blinde“ Art der Natur als „blinde Leidenschaft“ beispielsweise. Da der Mensch die Natur außen zu seinem Schutz und zu seiner Ernährung so verändern kann, dass seine Art überlebt, so kann er auch in seine innere Natur formend, mitunter normend, eingreifen.

6

Sowohl in der Evolution der gesamten Menschheit, als auch in der Erziehung des Einzelnen ist die Natur mit der Geschichte des Menschen verwoben. Nehmen wir nur unsere Denkfähigkeit – die sich selbst überlassen – chaotisch anmutet! Erst Aufgaben wie Hausbau oder Vorsorge oder in der uns näher liegenden Zeit Kopfrechnen und Schachspiel zeigen uns, dass wir uns denkend formen, trainieren und bewusst werden können. – Können? Wir müssen – Das Wie ist indessen frei, und im Verlauf dieses Wie der Mensch mehr oder weniger auch.

© eah 2012 und 6. November 2024

1 Ob das von allen Standpunkten aus stimmt, ist eine ganz andere Frage, die von „radikalen Konstruktivisten“ wohl am heftigsten bestritten würde, die in etwa behaupten, Natur wäre nur da, weil wir sie sehen. Man denke doch dagegen über Schlafwandler nach: Sie verhalten sich angepasst an die natürlichen Gagebenheiten, wissen aber nichts davon

2Es erscheint mir ein Hinweis notwendig: Die „selbe Medaille“ zeigt Natur als begriffene, durch Denken erforschbare Schöpfung, auf der anderen Seite, ohne diese gedanklich gefundene Ordnung eben als Chaos

Eltern und all die Lieben um uns herum — eckehardnyk, bb

Existenz braucht keine Begründungfreies Urteil findenkindliche WelteinteilungMenscheneinteilung in Gzt und BöseNeugier und Ansichten

(Bündnis mit Kindern, Szene 39 von 144 (Abenteuer Erziehung 2. Auflage)

Eckehardnyk Freitag 25. Oktober NZ 12

1 Wer hat dich durch deine Kindheit und Jugend begleitet? deine Eltern, Geschwister, Verwandte, Freunde und Gegner, Mit- und Nachhilfeschüler, Vorbilder und Lehrer, Handwerker, Schaffner, Briefträger, Friseure, Untermieter, Kollegen des Vaters, Freundinnen deiner Mutter und all die vielen Menschen, von denen du Eindrücke mitbekommen hast? In der Regel konntest du alle liebgewinnen, sowie die zu deinem Leben gehörten. Einige Ansichten dieser Menschen wurden für dich wertvoll, die andere hast du abgetan. Du fingest an, damit umzugehen und in manches Gebaren dieser Leute und in ihre Äußerungen hineinzuschlüpfen. Wie ein Kätzchen jedes Ding beschnuppert, beleckt und damit spielt, hattest du echte Neugier auf Ansichten mit den damit verbundenen Gefühlen. Mit der Zeit gewöhntest du dich daran, dass die bekannten Figuren Neues mitbrachten. Zu diesen Mitbringseln entwickeltest du Zuneigung oder Abneigung, was du auf die betreffenden Personen übertrugst. So bautest du damals deine Beziehungen auf. Menschen waren wichtig, beliebt unbeliebt je nach ihren mitgebrachten „Erkenntnisse“ und Gaben.

2 Wenn ein Mensch diesen Zustand im Erwachsenenalter beibehält, wird er andere Menschen immer gern danach einschätzen, was sie ihm „bringen“. Die Gefahr dabei ist, dass dadurch subjektiv eine Zweiteilung der Menschheit erfolgt: In die (mir) Nützlichen und die Überflüssigen oder gar Schädlichen. Die Anderen verfahren ebenso mit den jeweils Anderen, dass diese nur „gut“ sind, wenn sie „meine“ Partei ergreifen. Ob meine Sache auch gut ist, bleibt außen vor.

3 Wie könnten wir von dieser Seite der Weltbetrachtung Abschied nehmen und im Sinne des Zarastro aus Mozarts Zauberflöte dann auch unsere Kinder groß werden lassen? Etwa in eine Partei der „Gerechten“ eintreten oder gar eine gründen? Nein; denn Parteigänger beurteilen noch immer Gut und Böse nach ihren subjektiven oder ideologischen Vorteilen. Die Welt wird erst dann erlöst sein, wenn all die Menschen um uns herum jenseits von Nützlich und Schädlich, Wertvoll und Wertlos, Mächtig und Machtlos als interessant anerkannt würden. Erst dann könnten Gesetze Handlungen „richten“, um in Freiheit das in einer Absicht oder Handlung Gute von seinem Gegenteil zu unterscheiden.

4 Wie sehen wir uns nämlich selbst? Bei sich beginne der Einsichtsprozess, dass der Hader mit sich selbst endlich verschwindet. Schließe mit dir selbst einen „ewigen Frieden“! Davon ausstrahlen wird die Einstellung, dass jeder Mensch um seines Daseins willen auch daseinsberechtigt ist.

„Seine Existenz bedarf keiner Begründung“

würde Sartre gesagt haben. Welchen besonderen Nutzen, außer der in seinem Leben verborgenen „Auftragsspur“ zu folgen, sollte der Mensch darstellen können?

5 Das ist eine der Grundfragen im „Eisernen Zeitalter“ (Szene 19 von 144). Und sie besteht trotz aller Fragen um die eigene Stellung in der Welt und dem ganzen Wozu im Ertragen des „fern bestimmten Du-musst“: Gottfried Benn, der dies lyrisch (in Nur zwei Dinge) gefasst hat, schrieb noch als letzte Botschaft dazu:

Ob Rosen, ob Schnee ob Meere, was alles erblühte, verblich. Es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich.

Geht man an dieser existenziellen Grundaussage vorbei, begeht man Waffengänge mit sich und der Welt ohne Ende. Deshalb: Akzeptiere deine Eltern mit der einzigen Begründung: Weil sie für dich da gewesen sind. Dann wirst du deine Kinder lieben, weil sie es sind. Und die Menschheit werden dich lieben, weil du mit deinem

„Ich bin, der ich bin“

dazu gehörst. Fangen wir mit der Liebe zur Menschheit einfach mal bei uns selbst an, damit unsere Nächsten davon profitieren!

© eah 2012 und 25. Oktober 2024

BÜNDNIS MIT KINDERN – 35 von 144 – Wo sind deine Zehen, wenn du etwas durchsetzen willst? — bb, Eckehardnyk

Wie man ankert

Eckehardnyk, Dienstag, 30. Juli NZ 12

1.

Spürst du bei dir selbst Aufregung, wenn du etwas durchsetzen willst? – Diese Wahrnehmung ist wichtig und wir werden uns in den weiteren Szenen damit beschäftigen.

2.

Im Zurückliegenden haben wir uns darüber unterhalten, was wir als Erziehende sind und was wir durch Dazulernen sein könnten. Im Folgenden werden wir erörtern, wie wir etwas machen, damit es „ankommt“. Dazu mal eine Frage: Wo sind jetzt gerade deine Zehen, während du das lesen tust? Berühren sie den Boden? Oder sind sie etwas nach oben gespreizt? – „Warum ist das so wichtig?“ höre ich dich schon fragen.

3.

Freilich könntest du das halten, wie immer du willst, und die nächsten Seiten überspringen. Solltest du aber wissen wollen, wie du im Vollzug einer Handlung deiner selbst und der Sache, die du vorhast, sicher sein kannst, dann solltest du dich deiner Fuß- und Zehenstellung zuwenden. Und das ist nur ein Anfang. Natürlich spielt der ganze Körper mit, wenn du dich für etwas engagierst. Auf das Rollenspiel der anderen Leibespartien werden wir vielleicht noch zu sprechen kommen.

4.

Die Zehen sind deshalb als Erstes zu betrachten, weil sie unser „Anker“ sind. Hätten wir Krallen und müssten sie beim Klettern einsetzen, wüssten wir sofort, was wir den Zehen verdanken. Aber im Schuhwerk führen sie ein domestiziertes und meist vergessenes Dasein, von dessen Außenwirkung wir kaum etwas wissen.

5. Gestatten wir uns ein Experiment: Wir stehen, wenn möglich barfuß oder in Sandalen, auf einem festen Grund und neigen uns schräg nach vorn, sodass wir gerade noch stehen bleiben. Wir gehen zurück in die Senkrechte, spreizen die Zehen nach oben und neigen uns wieder nach vorn.

6.

Merkst du den Unterschied zu vorher? Du musstest die Neigung früher zurücknehmen, sonst wärst du nach vorn umgekippt. Das gleiche Experiment machen wir nach hinten und nach den Seiten. Worauf es ankommt, spürst du: Beim ersten Versuch hast du die Zehen unwillkürlich fester gegen den Boden gedrückt, als wolltest du dich mit ihnen festkrallen.

7.

Bei der zweiten Vorneigung fehlt dieses „Festkrallen“ und ein Verlust im Stand-Halten tritt ein. Diese fehlende Sicherheit können wir wohl auch bei den anderen Richtungen spüren, wohingegen das Verankern der Zehen auf dem Grund immer ein wenig mehr Sicherheit bei Schrägstellung des Körpers hinterlässt, auch wenn die Zehen „technisch“ kaum dazu beitragen.

8.

Wir übertragen den ersten Teil des Experiments auf einen Moment, da wir eine Bitte äußern oder einen Befehl geben, beispielsweise wenn wir im Gedränge irgendwo um Durchlass bitten. Wenn wir sprechen und dabei die Zehen versenken, werden wir in uns eine Art Aufmunterung empfinden, lauter, deutlicher und besser gestimmt zu sprechen. Es ist klar, dass dieses Vorgehen besonders geeignet ist, wenn wir eine Rede halten, von einer Kommission geprüft werden oder wenn wir auf der Bühne singen. (Als Voraussetzung, auch die letzten Reihen im Konzert- oder Opernsaal zu erreichen, dient dieses Experiment auch Gesangskünstlern zur Einstimmung.)

9.

Diesen Vorgang wollen wir als „Ankern“ bezeichnen und wechseln zu unserem Bild von der „Insel“ im „Ozean aus Liebe“: Von dem vor Anker liegenden Schiff können wir die Insel gut versorgen, auf der unser Säugling sich befindet. Doch auch jeder Andere, der mit uns in Beziehung tritt, wird von uns besser behandelt, wenn wir uns mit dem Grund, auf dem wir stehen, ordentlich verbinden, uns verankern und „erden“. Das bedeutet auch für uns selbst besseren Empfang, weil die „Antenne“ (die Kognition) dann leistungsfähiger ist.

10.

Bislang gilt die Meinung, Ellenbogen, auch im übertragenen Sinne, wären dazu gut, um sich durchzusetzen. Wir werden jedoch erfahren, dass mehr Standfestigkeit, Treffsicherheit und zugleich Fingerspitzengefühl, entwickelt über die Zehen, nicht nur netter und sozial verträglicher, sondern auch wirksamer ist.

11.

Manchmal spricht man auch davon, dass einer „über Leichen geht“. Wenn wir weder Tote hinterlassen noch anderweitig brutal vorgehen wollen, müssen wir dann auf die Durchsetzung unserer Interessen oder das Erreichen unserer Ziele verzichten? – Probieren wir’s doch einfach mal aus!

„Abenteuer Erziehung“ 2. Auflage

© eah 2012 und 30. Juli 2024