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Eine japanische Aktionskünstlerin und Sozialunternehmerin will Stoffkreisläufe schliessen
von Annette Jensen
Ayumi Matsuzaka beschäftigt sich intensiv mit Dingen, vor denen andere gerne Augen und Nase verschliessen.
Seit Jahren experimentiert die in Berlin lebende Japanerin mit Ausscheidu ngen. Im Rahmen eines Kunstprojekts sammelte sie ihren Urin und düngte damit Salate, um sie anschliessend zu verspeisen. Zusammen mit Bodenkundlern, Pilzexperten und Ingenieuren stellte sie
aus Küchenabfällen, Holzkohle und Fäkalien fruchtbare Schwarzerde her. Im Frühjahr 2015 gründete sie das Unternehmen Dycle, an dessen Entwicklunginzwischen vier Leute mitarbeiten. Das Motto der Firma: Aus vollgeschissenen Windeln wachsen Obstbäume.
«Entrepreneure können kreativer sein als Künstler und mehr bewirken», begründet die unkonventionelle 37-Jährige den Schritt von der Aktionskünstlerin zur Unternehmerin.
Windeln machen heute bis zu zehn Prozent des kommunalen Abfalls aus – nicht selten braucht ein Baby jeden Tag zehn Pampers. Dabei ist das , was unten aus den Kindern raustropft und
-fliesst, im Prinzip ein Nährstoff und kann zu guter Erde verarbeitet werden. «Wenn mir eine neue Idee kommt, werde ich ganz aufgeregt.
Ich versuche dann, die Zusammenhänge zu ergründen und ein Projekt draus zu machen», erzählt die Frau mit den pechschwarzen, exakt geschnittenen Haaren.
In diesem Fall führte ihre Aufregung erst einmal dazu, dass sie verschiedene Ökowindeln einkaufte und ei ner bef reu ndeten Fa m i l ie zur Verfügung stellte, die gerade Nachwuchs bekommen hatte. Die Eltern warfen die Windeln nach dem Gebrauch in einen Eimer, schütteten jeweils etwas Pflanzenkohle oben drauf und verschlossen das Ganze wieder luftdicht, sodass ein Fermentationsprozess stattfinden konnte – der erste Schritt auf dem
Weg zu fruchtbarer Terra Preta-Erde. Schnell wurde klar, dass ein Grossteil der Biowindeln ungeeignet fürs Kompostieren sind: Die Plastikfolie und der eingearbeitete Absorber, der die Flüssigkeiten in ein Gel verwandelt, machen sie zu unbrauchbarem Müll. Nur eine Sorte bestand den Test: Hier übernimmt eine wasserdichte, atmungsaktive Hose die Funktion, das Baby nac h
aussen hin trocken zu halten.
Auf dem Pflanzentauschmarkt, der regelmässig in den Berliner Prinzessinennengärten stattfindet, sprach Ayumi Matsuzaka 20 junge Eltern an, um sie für ihr Pilotprojekt zu gewinnen. Bald trafen Dutzende von Eimern mit Versuchswindeln bei ihr ein. «So soll es nach etwa vier Wochen aussehen», sagt die Jungunternehmerin und zeigt ein Foto, auf dem sich über einer Kohleschicht ein weisser Flaum gebildet hat.
Sieben Wochen später ist von der Windelstruktur kaum noch etwas zu sehen und das Ganze hat schon ein sehr erdiges Aussehen.
Gegenwärtig lagern die Hinterlassenschaften der Babys auf einem Komposthaufen am Rand von Berlin, vermischt mit Kuhmist. Im Frühjahr 2016 werden sie etwa 100 kleine Obstgehölze düngen, deren Sorten die beteiligten Eltern auswählen sollen. «Und aus regional angebauten Pflanzen wollen wir dann neue Babywindeln herstellen», sagt die in Nagasaki geborene Frau, die schon in zahlreichen Ländern von Finnland bis China, von Vietnam über Frankreich bis nach Stuttgart ihre Spuren als Aktionskünstlerin hinterlassen hat.
Seit ein paar Wochen hat sie sich stundenweise im Berliner Social Impact Hub eingemietet – einer hellen Büroetage in Kreuzberg.
Dort können Sozialunternehmer ihre Ideen im offenen Bereich rund um die Kaffeeküche diskutieren oder sich an flexibel genutzte Schreibtische in Ruheräume zurückziehen. Die Atmosphäre ist freundlich und konzentriert.
Längst gehen Ayumi Matsuzakas Visionen weiter: Eltern schliessen sich zu grösseren Gruppen zusammen und produzieren die jeweils von ihren Kindern benötigten Windeln in Eigenregie. Dafür will ein Professor an der TU Berlin bereits im Sommersemester 2016 zusammen mit Studierenden eine einfach zu bedienende Maschine entwickeln. Auch Experten für nachwachsende Rohstoffe gehören zu Matsuzakas Unterstützerkreis. Zusammen mit ihnen möchte sie herausfinden, welche Pflanzen sich in verschiedenen Regionen für die Windelproduktion eignen.
Vor ihrem inneren Auge sieht sie bereits, wie Elterngruppen mit örtlichen Baumschulen kooperieren, die die Vererdung und Obstbaumpflanzungen organisieren.
Ihre eigene Firma soll sich vor a llem auf Information, Beratung und Training konzentrieren, so Ayumi Matsuzakas Plan. Ihr Ideal ist eine weltweite Kreislaufwirtschaft – dezentral, kleinteilig, technisch unaufwändig, naturverbunden.
Crowdfounding-Kampagne:
dycle.org
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ICH BIN LUISE